Organisationen als Praxisfelder
Organisationen - Unternehmen, Vereine, Verbände, Genossenschaften etc. - sind komplexe Gebilde. Das täglich und regelmäßige Tun gestaltet sich darin nicht zufällt: Organisationen können als Praxisfelder betrachtet werden. Einen Überblick über diese Perspektive stelle ich hier kurz vor.
ORGANISATIONSENTWICKLUNGFELDTHEORIEPRAXISFELDPRAXISTHEORIE
Daniel Lachmann
4/27/20264 min read


Wir haben die Tendenz, auf isolierte Handlungen zu schauen – von Führungskräften, Mitarbeitenden, Beratern oder im Alltag. Wir beziehen zwar irgendwie die Situation mit ein, bleiben aber beim Individuum und der singulären Situation. Dagegen spricht im Kern nichts, beispielsweise wenn es um Feedback zu einer solchen Situation geht, wenn wir das Ergebnis dieser einzelnen Handlung anschauen wollen, dies als Startpunkt für eine tiefere Betrachtung nehmen wollen o. Ä.
Praxis und Praktiken
Doch mit Blick auf Teams, Abteilungen, Organisationen führt dies schnell zu Fehlschlüssen, insbesondere wenn wir dadurch eine „rationalere“ Handlungssteuerung erzielen wollen. Denn mit Betrachtung des einzelnen Moments und der Handlung beobachten wir (meistens) noch etwas, ohne uns dessen bewusst zu sein: Wir sehen die konkrete Ausprägung einer (sozialen) Praktik. Für Veränderungsvorhaben, Führung und Management sollten wir den Fokus vor allem auf Praktiken, also (organisations-)kulturell und strukturell vermittelte „ways of doings“, die Art und Weise, wie etwas üblicherweise in spezifischen Kontexten gemacht wird, und zwar so und nicht substanziell anders, richten.
Man kann sagen, dass eine Praktik ein koordiniertes Set/Arrangement von Aktivitäten und auch (verbalen und non-verbalen) Ausdrucksweisen ist, das auf identifizierbare „Ziele“ oder bestimmte Ergebnisse ausgerichtet ist und sich im Alltag immer wieder ähnlich zeigt. Kompetenzen, explizites und implizites Wissen, zeitliche, räumliche, materielle Aspekte sowie symbolisch-sinnhafte Komponenten, auf individueller (habitualisiert) sowie kollektiver (institutionalisiert) Ebene, zeichnen eine Praktik aus. Wo wir beim Handeln stets einen subjektiven Sinn finden, haben wir bei einer Praktik immer auch einen kollektiven Sinn.
Sie haben eine ostensive – also den idealen, schematisierten oder gar formalisierten Aspekt, wie etwas getan werden soll – und eine performative Seite, wie es nun wirklich umgesetzt wird. Das bedeutet, dass es in der konkreten Ausführung – also den einzelnen Handlungen – eine gewisse Varianz gibt und Raum für Improvisation da ist. Wer kennt es nicht, Dinge mehr oder weniger stark von den formalen Vorgaben abweichend zu tun?
Soziale Praktiken sind zum einen in Körper und Geist der Individuen verankert (Habitus) und sie unterliegen speziellen Bedingungen, den Bedingungen des Feldes (z. B. Organisation, Branche), denen sich die Akteure meist nicht bewusst sind, die die Praktiken hervorbringen und einen Einfluss darauf haben, ob sie erfolgreich oder funktional sind. Sie werden durch die Menschen „ausgeführt“, existieren aber um sie herum und historisch vor ihnen.
Ein Beispiel
Dazu ein kurzes Beispiel einer Praktik: Nehmen wir an, in einem Projekt wird monatlich (zeitlich) berichtet, und zwar durch das Befüllen einer vorstrukturierten PowerPoint (materiell) auf einem Cloud-Server (materiell und räumlich). Es bedarf eines Verständnisses, wie PowerPoint funktioniert und darüber, was wo eingetragen werden soll (Kompetenzen und Wissen). Es gibt auch typische Formulierungen, die bekannt und anerkannt sind (symbolisch). Sie dient dazu, der Bereichsleitung eine Entscheidungsgrundlage zu geben (identifizierbares Ziel). Dieses Ziel ist explizit oder implizit bekannt. Die Praktik dient aber auch dazu, mit der emotionalisiert-ampelfarbigen Darstellung die Präferenzen der Bereichsleitung zu bedienen (Ziel und symbolische Sinnhaftigkeit). Dieses Vorgehen wird wie selbstverständlich und unhinterfragt in diesem und anderen Bereichen genutzt (kollektiv immer wieder, so und nicht anders). Es ist formal so vorgegeben (ostensiv) und wird mit gewisser Varianz immer wieder analog bedient (performativ).
Praxisfelder
Praktiken finden in einem Feld zahlreicher Praktiken statt und bilden zusammen die (organisationale) Praxis. Sie stehen in einem relationalen Verhältnis zueinander. Verschiedene Praktiken beeinflussen sich gegenseitig (positiv wie negativ), und sind voneinander abhängig. Und haben unterschiedlich hohes (symbolisches) Ansehen.
Ist die Berichtspraktik oben abgeschlossen, kann die nächste ausgelöst werden: Die Bereichsleitung präsentiert die Ergebnisse in einer persönlichen Präsentation unter Anwesenheit anderer Bereichsleitungen und der Geschäftsführung. Jede Bereichsleitung hat zwar ihren eigenen Präsentationsstil und ihre eigenen -kompetenzen, doch sind sie mit Blick auf die zeitlichen (alle im gleichen Termin), materiellen (PC, PowerPoint, Beamer), räumlichen (Seminarraum), funktionalen (Geschäftsführung informieren, Entscheidungsgrundlage liefern) und symbolischen (anerkannte „Wichtigkeit“ der Geschäftsführung und der hierarchischen Position, Stolz, hier präsentieren zu dürfen) Aspekte sehr ähnlich.
Praktiken entwickeln und „verhärten“ sich mit der Zeit durch Wiederholung und hinreichende funktionale oder symbolische Wirksamkeit. Manchmal gehen auch der ursprüngliche Sinn und Zweck in das implizite Wissen über oder gehen „verloren“; sie liegen in der Vergangenheit. Das erklärt, warum es oft die Antwort auf die Frage des „Warum?“ gibt: „Das haben wir schon immer so gemacht“ “, „weil XY das so macht/sagt“, „das war schon üblich als ich ins Team gekommen bin".
Praxistheorie in der Praxis - ein paar Impulse
Statt dies abzutun und die Leute als Blockierer, Widerständler oder Konservative zu klassifizieren, stellen wir uns beispielsweise die folgenden Fragen. Denn wie Pierre Bourdieu (1993, S. 127) schreib: „Weil die Handelnden nie genau wissen, was sie tun, hat ihr Tun mehr Sinn, als sie selber wissen.“
„Wer tut was, wo, mit welchem Sinn?“
„Welche materiellen Dinge sind notwendig?“
„Welche Regeln/Normen werden situativ angewendet?“
„Welche Regelmäßigkeiten stellen wir in der Ausübung fest?“
„Welchen Zweck (rational, emotional, symbolisch) erfüllt die Praktik?“
„Welchen Einfluss hat das auf andere Praktiken?“
„Welche anderen Praktiken haben einen Einfluss?“
„Wer hat die formale und wer hat die informale Macht, was die Praktik angeht?“
„Warum so und nicht anders?“
„Wem nützt es, das so zu tun und nicht anders?“
„Wem schadet es?“
Sind wir in der Lage, diese – zugegeben – komplexe Perspektive einzunehmen, sind wir auch besser in der Lage, von Praktiken (und den damit verbundenen formalen wie informalen Regeln) situativ abzuweichen, um a) für den Moment besser zu agieren und b) notwendige Veränderungen einer Praktik anzustoßen.
Hier (weiterführende) Literatur, an der sich dieser Beitrag orientiert hat
Bourdieu, Pierre. 1998. Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bourdieu, Pierre. 1993. Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bourdieu, Pierre. 1990. The Logic of Practice. Stanford: Stanford University Press.
Hirschauer, Stefan. 2016. Verhalten, Handeln, Interagieren. Zu den mikrosoziologischen Grundlagen der Praxistheorie. In Praxistheorie. Ein soziologisches Forschungsprogramm, Hrsg. Hilmar Schäfer, 45–67. Bielefeld: Transcript.
King, Vera. 2022. Sozioanalyse – Zur Psychoanalyse des Sozialen mit Pierre Bourdieu. Gießen: Psychosozial Verlag.
Krämer, Hannes. 2019. Organisationsforschung und Praxistheorie (Pierre Bourdieu und Ethnomethodologie). Hrsg. Maja Apelt et al., 1–19. Wiesbaden: Springer.
Miebach, Bernhard. 2022. Soziologische Handlungstheorie. Eine Einführung. 5. Aufl. Wiesbaden: Springer VS.
Reckwitz, Andreas. 2009. Praktiken der Reflexivität: Eine kulturtheoretische Perspektive auf hochmodernes Handeln. In Handeln unter Unsicherheit, 169–182. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Schäfer, Hilmar. 2016a. Einleitung Grundlagen, Rezeption und Forschungsperspektiven der Praxistheorie. In Praxistheorie. Ein soziologisches Forschungsprogramm, Hrsg. Hilmar Schäfer, 9–25. Bielefeld: Transcript.
Schwarz, Corina Theresa. 2024. Der Praxis- und Handlungsbegriff im Vergleich. Eine Gegenüberstellung der Sozialtheorien von Pierre Bourdieu und Bruno Latour. Soziologiemagazin 47–70.
Schwingel, Markus. 2023. Pierre Bourdieu zur Einführung. 9. Aufl. Hamburg: Junius.
P.S.: Die „En Dashes“ sind Teil meines Schreibstils und nicht durch eine Gewohnheit eines Chatbots entstanden.
P.P.S.: Außerdem habe ich diesen Text ganz alleine, ohne AI geschrieben.
Eine praxistheoretische Perspektive auf Organisationen
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